Flüchtlingsinitiative Schlierberg – im 10. Jahr
Bericht
1. Warum wir seit 9 Jahren dabei sind
Wir arbeiten seit 2016 in der Unterkunft, Träger ist die Freiburger Bürgerstiftung. Unsere Arbeit hat sich in dieser Zeit stark verändert
An Anfang Hausaufgaben/Lernhilfe in großem Umfang mit bis zu 15 Kindern an 3 Terminen in der Woche.
Beim Projekt „Besser Ankommen“, an dem die Polizei, die Stadt und ….. beteiligt waren, haben wir teilgenommen, und unter wissenschaftlicher Begleitung Konversationskurse durchgeführt sowie auf
Wertevermittlung geachtet.
Ansonsten die übliche Unterstützung bei Behördengängen, Sprache lernen, ...
Besonders möchten wir auf die gute Zusammenarbeit mit dem Sozialdienst hinweisen, ebenso auf das AMI, an das wir uns immer wenden können, wenn es etwas zu besprechen gibt. Sehr schätzen wir die
schöne, ansprechende Anlage der Unterkunft durch die Stadt und das großzügige Raumangebot, die das Arbeiten erleichtern und fördern. Auch mit den Hausmeistern und der Security sind wir in sehr
gutem Kontakt.
2.
Neben diesen Gelingensfaktoren sehe ich als fast bedeutungsvollsten Teil unserer Arbeit das stetige und langjährige Engagement auf dem Gelände der Unterkunft. Wir sind ein Teil der Unterkunft,
gehören wie die anderen dazu. Werden gegrüßt, jede/r Ehrenamtliche hat seine speziellen Beziehungen zu einzelnen der Migranten. Wir tragen dazu bei, dass die Unterkunft offen ist, dass sie nicht
extraterritorial ist, sondern ein Teil der deutschen Zivilgesellschaft. Wir werden nicht als Eindringlinge in den Bereich der Migranten gesehen, sondern als Teil des Ganzen. Dies wirkt auch dem
Gefühl der Isolation, des Gettos entgegen.
Deutlich wird dies auch daran, dass die Ukrainer, die uns nicht brauchen, die sich in den deutschen Verhältnissen gut zurechtfinden, uns mittlerweile auch positiv gegenüberstehen. Durch
verschiedene Feste und Feiern hat sich eine gegenseitige Achtung herausgebildet, die sich jetzt in einer positiven Zusammenarbeit zeigt.
3. Die Bedeutung der Feste.
Ganz fester Bestandteil ist unsere Weihnachtsfeier. Sie wird in festlichem Rahmen von den Ehrenamtlichen gestaltet. Sie fand (trotz Corona) jedes Jahr statt. Alle Kinder erhalten ein
individuelles Geschenk, sie werden namentlich aufgerufen. Die Nennung des Namens vor den anderen Kindern ist für jedes Kind wichtig. Sie warten alle gespannt auf ihren Namen.
Das Weihnachtsfest wird von allen angenommen. Man wartet darauf.
Das Sommerfest wird in Zusammenarbeit mit dem Sozialdienst und anderen in der Unterkunft tätigen Gruppen gestaltet. Es findet im Freien statt.
Auch ein Familiencafé findet hin und wieder statt.
Durch die Feste entsteht ein typisches Nachbarschaftsverhältnis. Wir sehen die Unterkunft als ein Dorf, in dem viele verschiedene Menschen zusammenleben, neben einer vom Staat eingesetzten
Verwaltung gibt es noch viele andere professionelle und ehrenamtliche Akteure. Man kennt sich, man sitzt zusammen, plaudert, aber geht sonst getrennt seiner Wege. Hinterher fällt es leichter,
sich zu grüßen, dem anderen die Ehre zu erweisen.
Und hier sehen wir auch die wichtige Funktion der Ehrenamtlichen. Wir sind Teil der Unterkunft, kein Fremdkörper. Wir sind vernetzt mit den Bewohner/innen, dem Sozialdienst, den Hausmeistern und
der Security und den anderen Gruppen. Wir schätzen diese und diese uns. Wir reden miteinander, teilen unsere Erfahrungen aus und stärken so das „Dorf“. Wir lernen voneinander. So kann ein
grundsätzliches Gefühl der gegenseitigen Wertschätzung zwischen allen Beteiligten entstehen, wobei einzelne Konflikte nicht vermeidbar sind.
4. Laufende Tätigkeiten
a. Durchgängig Hausaufgabenhilfe seit Bezug der Unterkunft und
b. permanente Betreuung von Kindern und Jugendlichen in ihrem schulischen Werdegang in verschiedenen Fächern. Damit einher geht auch eine persönliche Entwicklung. Zu beobachten ist ein Hineinwachsen in die deutsche Lebenswelt, ohne dass sie die Wurzeln der Herkunft zu verlieren. Dies braucht einen distanzierten Blick auf ihre Entscheidungen und gleichzeitig den Hinweis auf Alternativen und Gespräche über deren Gewichtung. Auch einzelne Erwachsene werden betreut.
c. Individuelle Vorbereitung auf
i. Hauptschulprüfung
ii. Realschulprüfung
iii. Berufliche Prüfungen
iv. Deutsch Niveau A2-, B1- und B2-Prüfungen
Auch dies immer eingebettet in die Aufklärung über schulische Anforderungen, Strukturen, Schullaufbahn- und Bildungsberatung.
d. Hilfe bei der Suche nach Arbeits- und Ausbildungsstellen
e. Schachkurs und Schwimmkurs in Zusammenarbeit mit anderen Projekten der Freiburger Bürgerstiftung
5. Wichtige Erfahrungen der letzten 9 Jahre
Am Anfang musste alles neu „erfunden“ werden.
Keine Erfahrungen waren vorhanden, so konnte auch wenig von anderen Einrichtungen übernommen werden.
Jede Einrichtung war/ist anders. Jede/r Ehrenamtliche ist anders, kann anderes, hat andere Erfahrungen, Meinungen, Ziele ….
Das heißt, wir mussten unseren eigenen Weg in der Zusammenarbeit untereinander, mit den Geflüchteten, den Sozialdiensten finden.
Es ist uns gelungen, die unterschiedlichsten Lebens- und Berufserfahrungen, die unterschiedlichen Kompetenzen der Ehrenamtlichen in der Zusammenarbeit fruchtbar zu machen, worauf wir stolz sind.
Diese Erfahrung trägt die Arbeit.
Bei uns hat sich die Hausaufgabenhilfe bis heute erhalten, betreut werden v.a. Kinder einer Familie. Das Gute daran ist, dass wir damit den ununterbrochenen Kontakt zur Unterkunft auch nach 10
Jahren noch haben, jederzeit ansprechbar sind. Bei akuten Problemen können immer auch andere Kinder/Jugendliche zu dieser Lernveranstaltung dazustoßen. Dabei kann es sich auch um eine
kurzfristige Unterstützung handeln, die dann wieder schnell endet. Aber wir sind immer noch da, wenn neue Fragen und Aufgaben auftreten.
Andere Termine werden um die Termine der Hausaufgabenhilfe gelegt, so dass auch hier das Gemeinsame betont wird.
6. Zusammenarbeit mit den Anderen
In der Unterkunft sind neben dem Sozialdienst, den Hausmeistern und der Security eine Vielzahl von professionellen und ehrenamtlichen Akteuren unterwegs.
Unsere Initiative ist ein Stückweit ein Scharnier zwischen diesen Gruppen. Wir sorgen dafür, dass die Räume problemlos genutzt werden können, dass es zu keinen Terminkollisionen kommt, wenn z.B.
zwei Gruppen am gleichen Tag mit den Kindern einen Ausflug oder eine andere Beschäftigung machen wollen. Hier ist oft Fingerspitzengefühl und Zurückhaltung gefordert.
Zudem bieten wir für einzelne, individuelle, auf Autonomie bedachte Helfer/innen den organisatorischen Rahmen, so dass sie sich mit ganzer Kraft ihren Zielen widmen können.
Auch haben sich gerade in den letzten Jahren in der Unterkunft Migrantinnen gefunden, die eigene ehrenamtliche Angebote machen und durchführen: Computerkurs, Pilates, Zumba, Boxkurs, Malkurs
gegen Traumata. Dies sehen wir auch als ein positives Zeichen für das Ankommen in Deutschland.
7. Fazit
Unsere Arbeit ist nur in der Zusammenarbeit mit allen anderen Beteiligten zu sehen. In diesem Rahmen sehen wir nicht nur die individuellen Hilfen und Erfolge, sondern einen Beitrag zum
Empowerment vieler Beteiligten, den Bewohner/innen und auch den Helfer/innen. Begegnen wir Bewohner/innen in der Stadt, so ist jedes Mal ein Erkennen die Folge, ein Wissen, wir alle gehören hier
her.
Freiburg, 10.07.2025
Karl-Hans Jauß
Flüchtlingsinitiative Schlierberg
Merzhauser Straße 39
79100 Freiburg
Projektleitung Freiburger Bürgerstiftung